Helgoland

Drei Tage voller Möglichkeiten

Einsam mitten in der Nordsee liegt Helgoland, wo man mehrwertsteuerfrei shoppen kann! Für viele Touristen, die die Insel auf einer Tagestour mit etwa 3 Stunden Aufenthalt besuchen, ist dies ein Beweggrund, die Fähre zu besteigen. In diesen 3 Stunden kann man zwar einmal um die Insel laufen (so viel zur Größe!), ihre wahre Schönheit offenbart sie aber erst, wenn die Besucherströme gegen 16.00 Uhr versiegen und Ruhe einkehrt. Mehrere Tage sind also Pflicht und in meinen bisher drei Besuchen war ich jeweils 2-3 volle Tage vor Ort. Alle Bilder in diesem Bericht sind an 3 Tagen im Juni 2017 entstanden.

 

Die geringe Größe Helgolands ist Segen und Fluch zugleich - erwischt man schlechtes Wetter, kann schnell Langeweile aufkommen, da die Indoor-Aktivitäten begrenzt sind. Erwischt man aber sonniges Wetter (wie ich bisher zum Glück immer), eröffnen sich eine Fülle von Möglichkeiten zum fotografieren. Am Lummenfelsen und der Langen Anna stapeln sich in den Sommermonaten Seevögel und sorgen für eine beeindruckende Kulisse.

 

Lange Anna

Flugstunden für Naturfotografen - der Lummenfelsen

Hier kann man in zwei Stunden locker eine 16 GB-Speicherkarte vollmachen, da so viele Vögel umherfliegen und in allen erdenklichen Posen auf einen herabblicken, dass man fast kontinuierlich im Dauerfeuer-Modus ist, bis die Arme nicht mehr können oder man aufgrund der meist sehr steifen Brise durchgefroren ist. Je mehr Wind, desto besser, denn dann fliegt alles hoch und insbesondere die Basstölpel, die ihre Nester bis direkt an die Absperrung für die Besucher bauen, "stehen" dann beim Landeanflug schön in der Luft und lassen sich in aller Ruhe fotografieren. Hier ist eine Brennweite von 70-200mm ideal oder sogar noch kürzer, da einem die Tiere im wahrsten Sinne des Wortes zu Füßen liegen. Bei Windstille dagegen fliegt alles tief und somit tiefer als der Fotograf steht - eher schlecht für Flugaufnahmen, will man doch die Vögel nicht nur von oben sehen.

 

Basstölpel im Flug
Basstölpel Helgoland

Basstölpel
Basstölpel Portrait
Nordsee, Windstärke 10, die Frisur sitzt.
Diese Silbermöwe hat den Überblick
Diese Silbermöwe hat den Überblick

Heringsmöwe im Sturzflug
Heringsmöwe im Sturzflug
Dreizehenmöwen nisten im blanken Fels
Dreizehenmöwen nisten im blanken Fels
Basstölpel im Abendlicht
Kaum 2 Meter trennen uns
Silbermöwen-Küken
Silbermöwen-Küken

Neben den begnadeten Flugkünstlern Basstölpel und Dreizehenmöwe gesellen sich als dritte, sehr zahlreich vertretene Art, die kleineren Trottellummen dazu. "Trottel" ist hier bezüglich ihrer Flugkünste Programm, denn ihr hektisches, panisch wirkendes Rumflattern sieht schon etwas trottelig aus und ist kein Vergleich zu ihren größeren Kollegen am Felsen. Lummen im Flug scharf zu knipsen ist daher sehr schwer. Noch dazu kommen sie bei weitem nicht so nahe wie die Basstölpel, sodass man hier mit 400mm aufwärts arbeiten muss. Hier braucht man viel Geduld und natürlich auch Glück. Somit bin ich besonders stolz auf meine Lumme mit Fisch!

 

Trottellumme im Flug mit Fisch
Lumme im Fels
Lumme im Fels
Dreizehenmama bekommt einen Kuss von ihrem Küken.
Dreizehenmama bekommt einen Kuss von ihrem Küken.

Trottellumme
Zankende Lummen
Zankende Lummen

Wer sich mit den Arten am Lummenfelsen näher beschäftigt hat weiß, dass es noch zwei "Spezialitäten" gibt, die es zu erwischen gilt: Mit wenigen Paaren brüten dort auch der an einen Albatros erinnernde Eissturmvogel und der Tordalk. Ersterer hat mich zwei Tage in Atem gehalten und in kurzer Zeit konnte ich meinen Blick so schulen, dass ich zwischen hunderten Tölpeln und Möwen den einzelnen Eissturmvogel stets direkt erkannte und ihn schnell verfolgen konnte. Dennoch ist es ein Geduldsspiel und man wirdt viele Fehlversuche erleben, bis man ihn überhaupt einmal scharf erwischt. Dann ist allerdings zu 80% der Hintergrund nicht schön, andere Vögel mit im Bild oder die Komposition sieht einfach kacke aus.

 

Doch wie so oft in der Wildlife-Fotografie: Wer wartet und dran bleibt, wird schlussendlich belohnt. Und besseres Training für Flugaufnahmen als hier kriegt man wohl kaum.

 

Die Tordalken dagegen muss man zwischen all den Lummen erst einmal finden, da sie ihnen sehr ähnlich sehen. Hier wird man dann selbst mit 600mm an seine Grenzen stoßen und mir ist es zumindest bisher nicht gelungen, ein vorzeigbares Foto zu machen. Grund also, zurückzukehren!

 

Nun aber Bühne frei für einen weiteren, seltenen Meisterflieger - den Eissturmvogel:

 

So schön es dort auch ist - leider macht die Verschmutzung und Überfischung der Meere auch vor Helgoland nicht halt. So erhängt sich leider auch der ein oder andere Vogel in einem alten Fischernetz, das er eigentlich als Nistmaterial benutzen wollte.

Nicht schön, aber auch dessen sollte man sich bewusst sein.

Überraschung am Abend - ein epischer Sonnenuntergang

Nach einem erfolgreichen ersten Abend am Felsen, über zwei Stunden Non-Stop-Shooting hinter mir, verkroch sich die Sonne hinter den wenigen Wolken am Horizont und ich machte mich mit steif gefrorenen Händen auf den Rückweg. Als ich mich noch einmal umdrehte, kam die Sonne kurz vor ihrem Untergang ein letztes Mal zwischen Meer und Wolken hervor und lies den Himmel in den schönsten Farben erstrahlen. Lange würde dieses Schauspiel sicher nicht anhalten, also musste ich schnellstmöglich reagieren. Natürlich hatte ich kein Stativ dabei, nur das für eine solche Situation eigentlich viel zu lange Teleobjektiv auf der Kamera, alle Einstellungen noch im "Bird-Mode" und der Wind blies mich nach wie vor fast um. Ich konnte die Kamera kaum stabil halten, wollte aber dennoch HDR-Aufnahmen machen, wozu ich 3 Bilder nacheinander schießen muss, die deckungsgleich sind. Unter diesen Voraussetzungen eigentlich undenkbar. Umso erstaunter war ich, dass das Zusammensetzen der improvisierten HDR-Aufnahmen am PC trotzdem super funktionierte und mir so trotz unvorteilhaftester Bedingungen tatsächlich akzeptable Bilder der Helgoländer Abendstimmung geglückt sind.

 

Sonnenuntergang Helgoland Lange Lummenfelsen

Willkommen auf Robben Island

Auf der Nachbarinsel Düne geht es geradewegs weiter mit mannigfaltigen Möglichkeiten. Die Seehunde und Kegelrobben sind hier ganzjährig am Start. Wenn sie auch zumeist faulenzen - beobachtet man sie eine Zeit lang, kann man sicherlich einige schöne Fotos knipsen. 600mm aufs Stativ, hinsetzen, genießen.

 

Seehund auf der Düne am Strand

Ein oder mehrere Spaziergänge um die Düne lohnen auch immer und halten meist Überraschungen bereit. Sind die Vögel am Felsen garantiert, so weiß man hier nie, was sich so am Strand tummelt. Vielleicht "nur" Silbermöwen und Austernfischer, vielleicht aber auch Limikolen, Eiderenten oder sonstige Seltenheiten. Mein Highlight war ein Sandregenpfeifer, kaum größer als ein Spatz, an den ich mich Stück für Stück im liegen anrobbte und der mich bis auf 3 Meter herankommen lies! Einfach herrlich, diesen hübschen und seltenen Vogel aus solch einer Nähe beobachten und fotografieren zu können.

 

Sandregenpfeifer
Hmm, ja, sieht ganz gut aus - beim Anschleichen an den kleinen Sandregenpfeifer (Canon 400mm f/5.6 L)
Hmm, ja, sieht ganz gut aus - beim Anschleichen an den kleinen Sandregenpfeifer (Canon 400mm f/5.6 L)

Eiderente am Dünenstrand
Eiderente am Dünenstrand
Austernfischer
Die Austernfischer sind häufige und zutrauliche Gesellen
Silbermöwe
Hey! Hier ist Brutgebiet, verzieh dich!
Die brütende Silbermöwe hält sich bedeckt
Die brütende Silbermöwe hält sich bedeckt
Sandregenpfeifer
Da liegt ein Stein im Weg
Eiderente auf der Düne
Shake it off

Sanderling auf der Düne
Ein Sanderling auf Nahrungssuche - im nassen Sand kniend macht es richtig Spaß, diesen flinken Läufer zu beobachten.
Bizepstraining auf der Düne (Tamron 150-600mm f/5-6.3)
Bizepstraining auf der Düne (Tamron 150-600mm f/5-6.3)

So klein die Düne auch ist, so groß kann die Vielfalt hier sein. In der Nähe des Flugplatzes brüten im Sommer die Silbermöwen und sammeln sich auch gerne für ein Bad in einem der beiden Teiche im Düneninneren. Als ich dort eine Pause einlegte, leistete mir prompt ein Austernfischer Gesellschaft.

Es war wohl Waschtag.

 

Aufbauen für eine erfolgreiche Seehundjagd
Aufbauen für eine erfolgreiche Seehundjagd

Austernfischer badet

Morgendlich glüht der Felsen

Anfangs habe ich es als schwierig erachtet, tolle Landschaftsbilder auf Helgoland zu machen, da die Insel eben so klein ist. Dabei schafft man auch das leicht, man muss nur früh aufstehen oder lang wachbleiben. Mein Wecker ging regelmäßig um 4:20 Uhr und ich wollte ihn am liebsten direkt erschlagen. Wer dann aber der Versuchung widersteht, sich sein Equipment umschnallt und sich noch vor Sonnenaufgang über die menschenleere Insel an den Nordstrand begibt, kann beobachten, wie sich der Felsen im Licht der aufgehenden Sonne langsam einfärbt. Hier gilt: Kurze Linsen aufs Stativ, hinsetzen, genießen.

 

Helgoland früh am morgen

Mein ungefährer Tagesablauf auf Helgoland im Juni:

 

4:20 Uhr

aufstehen und auf den Weg zum Nordstrand machen, dort den Sonnenaufgang einfangen

 

6:00 Uhr

hoch zum Lummenfelsen und das warme Morgenlicht ausnutzen für tolle Flugaufnahmen

 

8:00 Uhr

Rückweg Richtung Unterkunft, frühstücken, Stulle schmieren

 

9:00 Uhr

Fähre zur Düne nehmen und diese erforschen, was je nach Tierdichte schon mal einen ganzen Tag dauern kann.

 

17:00 Uhr

Fähre zurück, einkehren zum Abendessen

 

19:00 Uhr

hoch zum Lummenfelsen und das Abendlicht nutzen für Flugaufnahmen

 

21:00 Uhr

auf den Sonnenuntergang an der langen Anna vorbereiten

 

23:00 Uhr

todmüde und mit hoffentlich vollen Speicherkarten ins Bett fallen. Wecker stellen nicht vergessen :-)

 

Natürlich lässt sich das je nach Wetter und Präferenz beliebig variieren. Um das frühe Morgenlicht im Sommer auf der Düne einzufangen muss man jedoch dort übernachten, da die erste Fähre hierfür zu spät ablegt. Daher ist meist der Nachmittag der Düne vorbehalten.

 

Abends genießt man dann den Sonnenuntergang an der Langen Anna.

 

Sonnenuntergang Lange Anna

Während ich noch mit dem Einfangen der untergehenden Sonne beschäftigt war, entdeckte ich am rechten Horizont die Umrisse eines Offshore-Windparks. Mit 400mm mal rangezoomt - und das Farbenspiel am abendlichen Himmel ist fast schon surreal:

Also dann: Ab auf die Insel!

Im Oktober ist der Lummenfelsen übrigens völlig vereinsamt und generell sind die vielen Seevögel, die man im Juni/Juli trifft, weitgehend verschwunden. In der Hoffnung, viele rastende Zugvögel zu treffen, machte ich mich 2016 nach meinem ersten Besuch im Juli nochmals im Oktober auf zur Insel und fand sehr viele erstaunlich zutrauliche Finken, Zeisige und Rotkehlchen vor. Zur Zugzeit ist es jedoch sicherlich Zufall, wer sich da auf die Insel verirrt, während man im Sommer eigentlich eine Garantie der Artenvielfalt hat.

 

Und selbst, wenn man kein Fotograf ist, lohnt sich ein Besuch auf jeden Fall, denn die gute Luft, das saubere Wasser, die Ruhe und die tolle Natur auf so einem kleinen Fleckchen sind einfach ein grandioses Ziel, um dem Großstadtwahnsinn zu entkommen. Also, worauf warten?

 

PS: Weitere Fotos haben sich in den Bildergalerien versteckt.